Samstag, 24. März 2012

Andrea Hanna Hünniger: Das Paradies - Meine Jugend nach der Mauer


Das Paradies – eine Kleingartensiedlung im Plattenbauviertel von Weimar ist der Ort an dem Andrea Hanna Hünniger aufwuchs und dem sie scheinbar seit dem zu entkommen versucht.
„Aber Ostdeutschland, das ist kein Pluralismus, das ist etwas ganz anderes: Das ist eine Zeit. Eine Phase, in die du hineingeboren wirst und aus der du dich freizuschälen versuchst“
Das Paradies, ist eine Abrechnung mit dem Leben ohne Vergangenheit. Ein Sachbuch? Eine Biographie? Belletristik?



 
Die Schriftstellerin und Journalistin Andrea Hanna Hünniger studierte in Göttingen und Berlin Kulturwissenschaften, Philosophie und Geschichte und legt mit dem als Sachbuch gekennzeichneten autobiographischen Werk „Das Paradies – Ein Leben nach der Mauer“ ihren ersten Roman vor.

Das Buch gliedert sich in sich in 9 Kapitel, in denen aus verschiedenen Lebensaltern der Protagonistin und Ich-Erzählerin, thematisch getrennt Themenkomplexe und Erlebnisse wie „Freiheit“, „Drogen“, „Westdeutsche“ oder „Glaube“ behandelt werden (hier findet man das erste Kapitel „Siedlung“ gelesen). Stilistisch wechselt die Erzählung je nach Alter zwischen kindlicher Naivität, pubertärer Wut in Form einer polemischen Glosse gegossen und erwachsener distanzierter Sachbuch Atmosphäre. Inhaltlich geht es um eine verlorene Elterngeneration die viel verloren hat und wenig gewonnen:
„Meine Eltern gehören zu der Generation, die nur den Sozialismus kannte, die ernsthaft an eine bessere Zukunft glaubte. Und das schmeißt man dann nicht so einfach weg, sein Vokabular, seine Ideale, sein Vertrauen in dieses Land. […] Aber jetzt heißt deine Heimat offiziell, also im Fernsehen, in den Geschichtsbüchern und in politischen Debatten, jetzt heißt sie Unrechtsstaat und sonst nichts. Und darf man um so einen Staat trauern?“
Und um die Kinder, wie Frau Hünniger, die in diesem Leben das aus Vergangenheit besteht über die aber nie offen gesprochen wird, aufwachsen. Alles Vergangene wurde vernichtet, verbrannt und neu sind nur die Pastelltöne an den Plattenbauten, die Discountkleidung der Erwachsenen und natürlich der GLOBUS Supermarkt vor der Tür. Die junge Andrea Hünniger will raus aus dem Muff, aus der Armut, landet schon früh in der Kinder Psychiatrie, versucht es mit Drogen, ist aufmüpfig, zynisch und traurig, wie bei ihrer Jugendweihe:
„Ich trage ein cremefarbenes Kostüm aus dem OTTO-Katalog, 70 Mark. Meine Schuhe sind golden und haben Klettverschlüsse, Reno, 20 Mark. Die Strumpfhose hat eine Laufmasche. Das ärgert mich. Bitte seht mir nicht an, woher ich komme. Lasst mich fortgehen aus der Jugend. Lasst mich in Ruhe.“
Das Buch berichtet von großer Distanz zu den Eltern, zu der gesamten Umgebung, von Verständigungsproblemen, von fehlendem Ankommen in der neuen Gesellschaftsform. Gerade die Distanz zu den Eltern ist ein großes Thema in der aktuellen Ostliteratur und hat augenscheinlich eine ganze Generation tief getroffen, da bestätigt Andrea Hünniger zum Beispiel das Bild aus „Der Hals der Giraffe“. Die Schule ist ihr auch keine Hilfe, die ignoriert die Vergangenheit und die Medien verklären sie, so fühlt sich Andrea Hünniger in ihre „Ostdeutsch Rolle“ gedrängt ohne sie überhaupt zu haben, ohne zu wissen was sie ausmacht außer Stille und Depression.
Immer wenn dieses Buch still wird, zum Beispiel beim Bild des Vaters der nur verschwommen durch das Aquarium zu erkennen ist, während er ewig sitzend auf dem Sofa seine Videosammlung alter Abenteuerfilme ansieht, wird es bewegend und gut. Leider sind diese Momente selten und werden dann, wie auch dieses Bild, wiederholt als wären die Kapitel eigenständig und kein zusammenhängendes Buch. Die in naiven Ton erzählten Kindheitserinnerungen wirken dagegen etwas konstruiert sind Bildüberladen die rückblickend hineininterpretiert scheinen. Noch problematischer sind die essayistischen Kapitel diese wirken plappernd, unreif und manchmal arrogant, wie die Geschichte aus dem Kapitel „Freiheit“ in der die Ausweisung aus einem Nichtraucherhotel nach dem Zigarette rauchen im Zimmer als Beleg für die Steifheit und Überempfindlichkeit der Ostdeutschen angeführt wird. Noch schlimmer sind ihre unbelegten dahingesagten Meinungen wie zur angeblichen Deutschfreundlichkeit in der Sowjetunion im Gegensatz zu der in Frankreich:
„Im Osten ist der Aussöhnung der Befehl der Verbrüderung vorausgegangen. Während die Aussöhnung mit Frankreich eine westdeutsche Angelegenheit gewesen ist. Da wird man nicht ganz so höflich behandelt.“
Oder ihrer Sicht der Aufarbeitung:
„Eine Parallele zum Dritten Reich gibt es: und zwar, wie mit der Geschichte der Stasi umgegangen wird, das hat große Ähnlichkeiten mit den Reaktionären in der BRD der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Wahrheit und Verbrechen werden verschwiegen, klein gemacht, ihre Verfolgung bestraft.“
Einmal führt Sie der Vorschlag aus dem Rathaus zum Anlegen einer Ausstellung anstatt eine Demo zu veranstalten, zu der Frage ob ein Staat in dem Meinung verboten ist nun schlechter ist, als einer in dem Meinung egal ist. In einem Interview habe ich gelesen, dass es um Demonstrationen gegen Neonazis ging. Leider geht diese Tatsache weder aus dem Buch hervor, noch wird der Kampf gegen die rechte Gesinnung erläutert, erschöpft sich in der Aussage rechte Kleidung diente als Symbol für Zusammengehörigkeit. Da hilft es auch nicht das sie noch hinzufügt „richtige“ Rechte also solche die auch entsprechend ihrer Weltsicht handeln und nicht nur sich so kleiden, sind dumm und böse, der Rest tut nur so, ist also harmlos. Im Buch steht nur der einzelne Satz, allein, naiv und schal. Starke Aufarbeitung sieht aus meiner Sicht anders aus.

Unerklärlicherweise wiederspricht sie sich dabei aber auch noch von Kapitel zu Kapitel, während ihr Aufarbeitung einmal zu kurz kommt, heißt es ein Kapitel weiter dann, die Stasiakten werden überbewertet. Allgegenwärtig ist die Klage über zu wenig Information, unklar bleibt aber warum in Kapiteln die bereits in journalistischem Ton abgefasst sind nicht mehr Reflexion aufkommt. Fakt ist, das Buch kommt zu spät, die Klage wäre vor ein paar Jahren vielleicht noch durchgegangen aber aktuell ist, wie auch die Literaturpreise der letzten Jahre zeigen, die Aufarbeitung die sie fordert, der sie sich selbst aber verweigert, bereits in vollem Gange.  

Mein Urteil fällt daher ziemlich hart aus: Als Sachbuch ist das gar nichts. Die Bewertung als belletristische Arbeit fällt mir schwerer. Primär fehlt mir hier die Distanz zu ihrer Figur, da wäre aus meiner Sicht eine andere als die autobiographische Form besser gewesen. So hätte sie die Figur ambivalenter gestalten und deren Meinung besser in einen Kontext setzen können. In Ihrem Fall vermischt sich alles und auch möglicherweise zeitlich begrenzte Wut wird zur allgemeingültigen Aussage. Außerdem, und das bemerke ich bewusst vorsichtig, vielleicht empfindet das nicht jeder so, fühle ich in den Zeilen etwas sehr Gemeines und Despektierliches in den Worten über ihre Eltern, dass ich wenig sympathisch finde. Um mit Felicitas Hoppe zu sprechen: Mit welcher Haltung erzähle ich etwas?“ und vor allem: „Ist Erinnerung auch Wahrheit?“. Hat sich Andrea Hanna Hünniger beim schreiben Gedanken darüber gemacht wie andere Menschen gefühlt haben? Möglichweise schon, nur leider sehe ich es nicht in ihrem Buch.

Die einzelnen Kapitel haben schon Geschwindigkeit, machen Spaß und vermitteln dabei ein Gefühl für diese Generation, wären einzeln als Glosse auch gut aber insgesamt als Roman scheint mir das Ganze zu wenig durchdacht, zu wenig eine Einheit, vielleicht auf Skandal schielend, schnell zusammengerafft bevor die Klage veraltet. Nein, je mehr ich darüber nachdenke: Ich finde diesen Erstling nicht gelungen.  

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Ehrecke,

    nachdem ich zahlreiche (übertrieben positive) Kritiken über dieses Buch durchstöbert habe, bin ich endlich auf Ihre Einschätzung gestoßen, mit der ich mich wunderbar anfreunden kann. Mit der Autorin teile ich den gleichen Hintergrund, was mein anfängliches Interesse an diesem "Sachbuch" begründet. Allerdings wurde mir das Buch nach nur wenigen Seiten geradezu lästig. Ich habe mich gezwungen, es bis zum Ende zu lesen, um der Autorin und der Geschicht eine Chance zu geben. Es war aber zwecklos. Die Ausdrucksweise ist dermaßen übertrieben, die Handlungen sind absolut nicht kohärent und, genau wie Sie, versprührte ich eine unfaire, abfällige Haltung anderen Personen gegenüber.
    Es freut mich, dass ich nicht allein bin mit meiner Meinung... dachte schon ich wäre eine "Miesepetra".
    Viele Grüße.

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    1. Hallo und vielen Dank (wenn auch sehr verspätet),
      ja die positiven Kritiken beruhen wohl mehr auf dem Trend „alles mal raus zu lassen“ sein gut.
      Die Wut auf eine, im Vergleich zum Westen, benachteiligte Welt mit Eltern die noch in ihrer, dem Teenager unbekannten Vergangenheit leben, ist ja irgendwie nachvollziehbar. Nur leider ist es eben kein Teenager der hier schreibt sondern eine Journalistin der Zeit, die das alles auch noch Sachbuch nennt, da erwartet man deutlich mehr durchdachte Aussagen.
      Das alles war vielleicht eher als Ostdeutsche Martenstein Glosse gedacht bevor es keiner haben wollte und dann als Buch rausmusste, dann eben als Helene Hegemann für Ossis… Schad drum.

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