Freitag, 27. Dezember 2013

Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und Das Ende der Welt

Zerschlage einen Spiegel, schau Dir die Welt darin an und erzähle, was Du siehst.
Es wird mit der Realität nichts zu tun haben aber jeder, dem du von deinen Beobachtungen erzählst, wird Dir sagen: “Ja, genau so ist es!”



Das hartgesottene Wunderland und das Ende der Welt. Dies sind zwei Welten, aus denen uns Murakami je eine Geschichte erzählt. Beide Geschichten werden parallel erzählt, kapitelweise alternierend. Wirklich real sieht keine der beiden Welten aus.
Das hard-boiled Wonderland stellt Tokyo in einer fernen Zukunft dar. Die regierende Organisation nennt sich ‘System’, arbeitet wie ein Geheimdienst und hat eine Gegenspieler-Fraktion: ‘Die Fabrik’. Diese besteht aus Revoluzzern, deren Ziel es ist, die Geheimnisse des Systems zu stehlen (welches seinerseits versucht, sie zu schützen). Beide Parteien agieren wenig zimperlich, wenn es um das Erreichen ihrer Ziele geht. Nicht zuletzt deswegen ist die Atmosphäre des hartgekochten Utopias in düstere Stimmung getaucht, erzählt von Verfolgung und Skrupellosigkeit. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, der ein trostloses Leben voller flüchtiger Räusche führt, aber nicht sonderlich betrübt darüber ist, bekommt von einem merkwürdigen Professor den Auftrag, Forschungsergebnisse zu shuffeln (d.h. auf besondere Weise zu verschlüsseln). Für diese Aufgabe wurde der junge Mann speziell ausgebildet. Beim Shuffeln gerät er in einen Bewusstseinszustand, den er selbst nicht kontrollieren kann. Wenn er aufwacht, sind die Informationen chiffriert - und zwar so effektiv, dass nicht einmal er selbst versteht, wie sie entschlüsselt werden können. Um den Shuffel-Prozess zu starten, muss er sich eine bestimmte Wortkombination in Erinnerung rufen. In seinem Fall lautet die Wortkombination: “Das Ende der Welt.”


Apropos. Ich sprach von zwei Geschichten, die Murakami parallel erzählt. Die zweite spielt in einer ganz anderen Welt. Hier gibt es keine verfeindeten Organisationen, die mit Gewalt gegeneinander intrigieren. Stattdessen gibt es Einhörner, die im Herbst goldenes Fell bekommen und im Winter sterben. Alles spielt sich in einer einzigen Stadt ab. Sie umgibt eine Mauer, die niemand überwinden kann und darf. Was dahinter liegt, weiß keiner. Die Menschen in der isolierten Stadt leben leidenschaftslos, sind weder traurig noch glücklich. Sie haben keine Seelen mehr, und keinen Schatten. Zwar gibt es Jahreszeiten aber ansonsten scheint sich nichts zu verändern in der Stadt. Auch in dieser Geschichte wird der Protagonist von einem jungen, männlichen Ich-Erzähler verkörpert. Er wacht in der seltsamen Stadt auf, ohne zu wissen, wo er sich befindet. Als erstes wird ihm sein eigener Schatten abgeschnitten. Dieser lebt nun als eigenständig denkende und handelnde Person und wird von seinem Herren ferngehalten. Der Protagonist bekommt wie jeder Stadtbewohner eine Aufgabe: Er muss in der Bibliothek alte Träume aus noch älteren Einhornschädeln lesen. Warum er diese Aufgabe macht und wofür sie gut ist, erklärt ihm niemand. Es ist eben seine Aufgabe. Jeder hat eine Aufgabe - sogar der Schatten. Er muss dem alten Wächter helfen, die Einhörner zu versorgen und zu verbrennen, wenn eines stirbt. Wenn der Winter heranbricht, muss der Schatten sterben. Erst wenn er tot ist, zählt der Protagonist zu einem vollwertigen Mitglied des Dorfes. Der Name dieses zweiten Utopias, was aus einer zeitlosen Stadt besteht, lautet - ihr ahnt es schon - “Das Ende der Welt”.


Wunderliches passiert in beiden Geschichten. Im hartgesottenen Wunderland muss der Ich-Erzähler durch ein Labyrinth von Fahrstühlen, Treppen, Gängen und einem unterirdischen Fluss kriechen, um seinen Auftraggeber, den Professor zu treffen. Der Ich-Erzähler in der zeitlosen Stadt hingegen hat genug damit zu tun, sich in seinem neuen Zuhause zurecht zu finden und die Regeln des Zusammenlebens zu verstehen. Während ihm die ganze Sache mit den seelenlosen Bewohnern schlichtweg unnatürlich vorkommt, recherchiert sein Schatten und schmiedet in Erwartung eines schlimmen Schicksals handfeste Fluchtpläne.
Eine ganze Weile dann laufen beide Geschichten im Leerlauf dahin. Dann endlich nach über 300 Seiten entlockt der hartgesottene Ich-Erzähler im Wunderland nach einer ebenso langatmigen wie blödsinnigen Wanderung durch die gefährlichen Katakomben Tokyos dem verrückten Professor (derselbe wie oben genannt) etwas, was nach der Vorstellung des Autors aus irgendwelchen Gründen in dem Leser Überraschung hervorrufen sollte. Anders lassen sich die hyperventilierenden und bilderreichen Schilderungen, die nochmal redundant mit Skizzen und Beschreibung der Skizzen zwei-drei-viermal wiedergeben, was eigentlich nach den ersten paar Kapiteln klar ist und selbst nach den wenigen Worten meiner Rezension schon erahnt werden kann:
Achtung Spoiler: Beide Ich-Erzähler sind ein- und dieselbe Person. Das “Ende der Welt” ist eine künstlich erschaffene Gedankenwelt des Ich-Erzählers, in welcher er selbst landet.

Nach diesem, nennen wir es mal Twist, baute sich in mir eine gesteigerte Erwartungshaltung auf, denn ich erwartete Verschlingungen, Hinweise oder Metaphern, die beide Geschichten miteinander verweben. Gibt es noch einen zweiten Twist, der sich die ganze Zeit schon angekündigt hat und nun wie eine Welle über meinem Kopf zusammen schlägt? Ist alles vielleicht doch ganz anders? Wird das ganze Konstrukt am Ende auf wunderliche Weise durchbrochen? Da sind sie, die Muster, die Motive - sie tauchen in beiden Geschichten schon die ganze Zeit auf, doch plötzlich erkennt man sie: Eine Bibliothekarin, immer wieder Musik, die ungeklärte Elefantenfabrik, mysteriöse Andeutungen - “Warum kommt mir plötzlich alles so bekannt vor?” - “Weil wir das schon einmal gemacht haben. Alles geschieht von neuen.” Oh-oh, der rennt da in eine Falle. Wenn er nicht rauskommt, bleibt er ewig gefangen! Nimm dich in Acht, du wer-auch-immer vor den was-auch-immer! Die Welle überschlägt sich, ich erahne ihren Schatten, doch noch immer kann ich sie nicht sehen. Nur noch ein Kapitel - das kann doch jetzt niemals alles in diesem einen scheißkleinen Kapitel erklärt werden! Oder doch? Und dann! ... Ende.


So saß ich am Ende da wie ein Wassersportler auf seinem Surfbrett, der die ganze Zeit den Schatten der großen Welle im Genick gespürt hat und als er sich umdrehte, war da nichts weiter als das ruhige, glitzernde Meer. All diese Andeutungen, diese Motive, die verdächtigen Dopplungen - wofür waren die denn nun gedacht?
Ich habs bis heute nicht begriffen - und ich habe noch nichtmal heraus gekriegt, ob es denn überhaupt noch mehr gewesen war, was man hätte begreifen können. Andere Kritiken sind sich insofern einig, dass dieser Roman von Murakami großartig sei. Interpretieren und analysieren lassen sich beide Wunderwelten sicherlich auf vortreffliche Weise, denn sie triefen ja vor auffällig funktionslosen Motiven, die teilweise so wunderschön in die Welt eingefügt, andererseits aber auch so fremd daher kommen. Dieses zeitlose Ende der Welt, das könnte doch zum Beispiel als Symbol stehen für...

So karg und öde sieht es in uns Konsum-, Drogen- und Wellness-Junkies aus, wenn man uns die lustigen Wohlfühlgehäuse wegrasiert? Ist es eine Utopie, eine Warnutopie oder eine narrative Computertomografie unserer aufgeblähten Fleischlichkeit?  
(Hubert Winkels, DIE ZEIT)

Oder die gefährlichen Schwärzlinge, die ich bislang unterschlagen habe, weil sie eine so unerhört mächtige Drittmacht unter den Straßen Tokyos darstellt, die - sollte ihnen mal einer quer sitzen - die ganze Stadtbevölkerung mit Strunk und Stiel auffressen könnte. Sie leben in den Katakomben des hartgesottenen Wunderlandes, durch welche sich der Ich-Erzähler wohlweislich ihrer Gefährlichkeit ganze dreimal im Laufe des Buches hindurch quält, nur um am Ende eine ernüchterne Erklärung vom verrückten Professor zu erhalten.
Diese immer wiederkehrende Wanderung durch die Finsternis, voller Gefahren, an dessen Ende nichts geringeres steht als eine bittere Erkenntnis - ist dies nicht die Metapher auf das Leben selbst? 
Durch dieses Leben irrt jeder für sich allein, er tritt in Fallen, fällt beinah in tiefe Löcher, ihm sitzt immer der Tod im Nacken, manchmal lässt sich von lockenden Stimmen einlullen, bricht er kraftlos zusammen und will nur noch schlafen. Manchmal leuchtet jemand anderes für ihn den Weg und reicht ihm helfend die Hand. Doch am Ende kommt keiner um die Erkenntnis herum, dass das angeblich erlösende Licht am Ende des Tunnels eine bittere Lüge ist.
Ja. Das ist möglich.

Es ist aber auch möglich, dass die Wanderungen des Protagonisten (und des Professors Tochter) durch die tödlichen Katakomben nichts weiter als ein strunzdummes Himmelfahrtkommando ist, in dem die beiden Wanderer nur dann unbeschadet herausgekommen wären, wenn ihnen ein bewaffnetes SWAT-Kommando mit Helikopter und Rauchgranaten zu Hilfe geeilt wäre. So wie Quentin Tarantino seine Drehbuch mit Vorliebe mit Szenen bestückt, die übergeschnappt sein mögen wie sie wollen, wenn sie nur genug spritzendes Blut vorweisen, so scheint mir hier, hat Murakami seine beiden Wunderlandgeschichten mit allerlei Elementen ausgepolstert, die die angemessene Schrägheit und Unnormalität hinein transportieren. Gelungen ist ihm dies ohne Frage. Nur geht in dieser ganzen Staffage die Frage verloren, was der Autor uns überhaupt sagen will. Oder will er uns garnichts sagen sondern er will, dass wir uns selbst etwas sagen? Vielleicht hat er nur eine riesengroße Burg voller Andeutungen, Schrägheits-Elemente und unheilschwangerer Andeutungen zurück gelassen, damit der Leser sich seine jeweiligen Lieblingsrequisiten hernehmen und irgendetwas Geistreiches hinein interpretieren möge?

Als Leser, der zum ersten Mal einen Murakami-Roman in den Händen hält, besteht dieses Buch aus nichts weiter als einem Bündel Fragezeichen, die unter großem Tamtam zwischen den Buchseiten verteilt wurden. Vielleicht ist die Intention des Autors leichter zu verstehen, wenn man andere Romane von ihm kennt. Anderen Murakami-Einsteigern sei also hiermit eindringlich vor der Lektüre dieses Romans abgeraten. Die Kenner des Autors bitte ich um Nachsicht aufgrund meiner Unwissenheit. Mögen sie mir einen Roman empfehlen, mit dem man gefahrlos in die Gedankenwelt Murakamis Einlass findet. Im hartgesottenen Wunderland hingegen fand ich nichts weiter als die Verheißung auf eine große Welle, die mit einem freien Fall auf glatter See endete. Vielleicht kann da jemand anderes eine große Sache hinein interpretieren, für mich bleibt das Ergebnis ein Bauchklatscher und er fühlt sich genauso unangenehm an wie er klingt.

Kommentare:

  1. Liebe Antje,

    danke für Deinen Bericht. Habe eben das Buch zu Ende gelesen und jetzt auch diesen Bericht.
    Ich glaube, dass Du viel mehr von dem Buch verstanden hast, als Du glaubst. Es geht (auch) um diese Leere, die sich anscheinend bei Dir eingestellt hat. Das Leben des Protagonisten ist leer und leblos...

    Etwas problematisch finde ich Deine Erwartung, die Intention des Autors zu finden und zu verstehen. Der Autor hatte sicher beim Schreiben Intentionen, aber wenn der Text nicht weit darüber hinausginge, wäre es ein schwacher Text! Sobald er zu Ende geschrieben ist, führt der Text ein Eigenleben und braucht den Autor nicht nicht mehr. Nach der Intention des Autors zu suchen, ist deshalb schlichtweg sinnlos. Es kommt darauf an, was Du, was ich, was Andere in dem Text erkennen können.

    Das mit der Autor-Intention, die wie ein Rätsel herauszufinden wäre, ist ein Irrtum unserer altmodischen ehemaligen Deutschlehrer!

    Viel Spaß beim weiteren Lesen!


    Ann

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  2. Hallo Antje und Ann,

    auch ich bin nach der Lektüre auf diese Seite gestoßen, weil ich die überschwänglichen Rezensionen nicht verstehen konnte. Mir geht es genauso wie Antje und das hat nix damit zu tun, dass ich vergeblich die Intention des Autors suche, sondern damit, dass mich der Roman einfach "unbefriedigt" zurücklässt.

    Bei Hardboiled Wonderland habe ich immer während des Lesens das Gefühl gehabt, der Autor will mir etwas sagen (unsere leeren Leben kritisieren?), aber es kommt nicht richtig bei mir an oder aber, wenn er keine Message hat, so will er mich einfach auch anregend unterhalten - das ist irgendwie auch nicht so richtig gelungen, weil spannende Passagen irgendwie im Nix verpufften, da sie zu nichts führten. Und der Twist, dass beide Geschichten vom gleichen Erzähler stammen, war auch für mich eher lauwarm.

    Vielleicht kann ich also mit Murakami einfach nicht soviel anfangen - ich empfehle David Mitchell (insbesondere Ghostwritten und Cloud Atlas)! xD

    Julia

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