Dienstag, 31. Juli 2012

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

Ishiguros Zukunftszenario könnte grausamer und lebensverachtender kaum sein. Durch Forschungen und Weiterentwicklung der Technik ist es der Menschheit gelungen, die schlimmsten Krankheiten wie Krebs zu heilen. Allerdings braucht die Medizin dazu als Ausgangsmaterial komplette Organe von echten Menschen.
Um diese Nachfrage zu stillen, werden existierende Menschen geklont, also identische Replikate von ihnen hergestellt. Die Klone werden in speziellen Heimen versorgt bis sie ausgewachsen sind und anschließend ausgeweidet. Dies bedeutet den Tod für jeden Klon.
Mit Fug und Recht hätte Ishiguro die menschlichen Ersatzteillager auf die Barrikaden gehen, sie wahnsinnig werden lassen oder ihnen Racheglüste in die Köpfe pflanzen können. Doch er machte etwas ganz anderes - nämlich den menschlichsten und friedlichsten Roman, den man sich vorstellen kann.


Kathy ist so ein Klon. Sie erinnert sich zurück an ihre Kindheit auf der Internatsschule Hailsham. In Hailsham gibt es Aufseher, die den Unterricht und die Betreuung der Kinder vornehmen. Allen Kindern gemein ist, dass sie keine Eltern haben, denn sie wurden wie gesagt künstlich gezeugt und geboren. Die Aufseher sind “normale” Menschen (also keine späteren Spender). In Hailsham gibt sich ein Bild des typischen Internats. Es wird gelernt, geschwatzt, Sport getrieben, gelästert und gelacht. Der cholerische Tommy gibt immer wieder unfreiwillig die Witzfigur beim Fußballspielen. Die eigensinnige Ruth hingegen hat einen Narren an der Idee gefressen, dass die Aufseherin Miss Emily in Lebensgefahr schweben würde und darum eine Leibgarde benötige (die selbstverständlich von Ruth persönlich angeführt wird).
Besonders nachdrücklich werden die Kinder dazu animiert, sich im Kunstunterricht schöpferisch zu betätigen. Die besten Resultate sammelt die geheimnisvolle “Madame” ein und stellt sie in einer Galerie aus. Diese Madame scheint die Leiterin von Hailsham zu sein. Andere kreativen Erzeugnisse werden regelmäßig auf dem Basar für andere Schüler zum Verkauf angeboten. Unter den Hailshamer Kollegiaten herrscht die Marotte, dass jeder eine kleine Schatzkiste mit seinen schönsten Beutestücken hütet.
Dass die Kinder nur auf der Welt sind, um im frühen Erwachsenenalter all ihre Organe herzugeben, wissen die Kollegiaten schon recht früh. Doch wahrscheinlich ist es wie so oft mit Unglaublichkeiten: Richtig bewusst ist sich dessen keiner von ihnen. Im Gegenteil, man macht stattdessen sarkastische Witze darüber. Die guten Ratschläge über ausgewogene Ernährung, gesunde Lebensweise und Krankheitsvorbeugung nehmen die Kollegiaten ohne negative Hintergedanken an.
Nur manchmal erwecken die Aufseher den Eindruck, als würde der Anblick der Hailshamer Kollegiaten sie zutiefst erschüttern. Miss Lucy macht Andeutungen, dass die Schüler so vieles nicht wüssten und dass sie verzweifeln würden, wenn sie es denn wüssten. Dies bleibt jedoch die Sorge der Aufseher. Diejenigen, die bemitleidet werden, sehen gar keinen Anlass dazu. Sie scheinen keine Angst vor ihrer Zukunft zu haben. Man ahnt, dass sie es einfach nicht verstehen oder man ihnen immer gerade dann Neuigkeiten erzählt, wenn sie diese noch nicht verstehen können. Ihre Aufmerksamkeit und ihre Sorgen gelten darum profaneren Problemen:
Werden Tommy und Kathy ein Paar? Wie stellt man es am besten an, ungestört miteinander zu plaudern? Wer bekommt diese tolle Tasche, die beim Basar feilgeboten wird? Wird mich jemand sehen, wenn ich heimlich in den konfiszierten Pornoheftchen blättere?




Das gesamte Buch ist die rückblickende Erzählung eines völlig normalen und naiven Erwachsenwerdens. In aller Ausführlichkeit lernt der Leser sämtliche Personen kennen, von denen die Handlung getragen wird. Manche sind eher simpel gestrickt, andere haben einen anstrengenden Charakter, um andere rankt sich einfach die Aura des Mysteriums. Es sind ganz normale Menschen mit völlig menschlichen Eigenschaften, die aus der Sicht eines unbedarften Kindes wahrgenommen werden.
Man erfährt als Leser gleich zu Beginn, was es mit den Hailshamer Kollegiaten auf sich hat und erstaunlicherweise … vergisst man es ganz schnell wieder. Nur bruchstückhaft wird man daran erinnert, dass man keinen normalen Menschen beim Leben zuschaut sondern Klonen, die sozusagen kein Recht auf ein eigenes, erfülltes Leben haben. Doch selbst dann tritt diese grausame Wahrheit immer wieder in den Hintergrund. Sie wird verdrängt von den Sorgen, die so viel greifbarer und nachvollziehbar sind im Leben eines Menschen. Der ganze Alltag in Hailsham wirkt einfach viel zu normal, zu entspannt, zu vertraut. Stutzig machte mich am ehesten, dass auf den Kunstunterricht so ein immenser Wert gelegt wird und dass man die Kollegiaten geradezu dazu drängelt, Bilder zu malen oder anderweitige Werke zu schaffen. Aber obwohl mir klar war, dass es etwas damit zu hat, dass die Kollegiaten anders sind, habe ich recht schnell die Sache auf sich beruhen lassen. Genau wie die Hailshamer selbst - sie wundern sich nur darüber und wenden sich nach einiger Zeit wieder anderen Dingen zu.
Dies ist wohl der Grund, weshalb die anfangs prophezeite Hass- und Rache-Situation einfach nicht eintritt. Sobald die Kollegiaten etwas Neues herausfinden, was ihre Herkunft oder ihre Zukunft betrifft, zeigen sie sich neugierig und stürzen sich in Spekulationen. Doch zu keinem Zeitpunkt ruft jemand den Satz aus:
“Moment mal! Wir sollen alle sterben, damit es ein paar Menschen auf der Welt besser geht? Das ist es nicht wert! Ich weigere mich!”
Nie.

Beim Lesen hatte ich zwischenzeitlich die Gedanken: “Was lese ich hier eigentlich? Das sind Dialoge und Alltags-Trivialitäten von völlig normalen Leuten. Die reden über all ihre Problemchen und selbst über Dinge, die für mich noch gar kein Problem wären. Das ist alles völlig normal und unspektakulär. Fast schon zu normal - denn soviel reden würde ich ja nicht einmal.”
Doch genau das ist der Punkt. Es sind Menschen, ganz besonder sensible Menschen sogar, die sich ungemein starke Empathie zu ihren Mitmenschen aufbauen können. Diese Einsicht prallt gegen Ende des Buches umso härter mit der Realität zusammen, der sich Kathy und jeder andere Hailshamer Kollegiat stellen muss: Sie leben nur, um zu sterben. Ihr Leben dient dem Zweck des Heranzüchtens gesunder Organe. Es gibt Leute (im Sinne von Nicht-Spendern), die glauben noch nicht einmal, dass es sich bei den Klonen um richtige Menschen handelt. Dass diese Vermutung ungeheuerlich ist angesichts dieses beschaulichen und bescheiden glücklichen Lebens, was die Heranwachsenden in Hailsham erleben, wurde mir erst recht spät klar. Zu dem Zeitpunkt ist es bereits völlig selbstverständlich geworden, dass Kathy und Tommy und all die anderen eigenständige Personen mit einer Seele sind.
Trotzdem werden die Klone mit dem Erreichen des Erwachsenenalters nicht wie Menschen behandelt - sondern wie Schlachtvieh. Mit dem Abschluss der Schulausbildung in Hailsham werden die Kollegiaten grüppchenweise auf Bungalows im Land verteilt - gemischt mit älteren Absolventen anderer Internate. In diesen Cottages leben die Kollegiaten solange zusammen, bis sie sich dazu entschließen, die Ausbildung zum Betreuer zu beginnen. Die Betreuer kümmern sich um das seelische Wohl derjenigen Klone, die bereits damit angefangen haben, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden laufen in mehreren Sitzungen ab. Mehr als vier Sitzungen überleben die Spender eigentlich nie. Nachdem sie eine gewisse Zeit lang Betreuer waren, erhalten die Absolventen irgendwann den Bescheid, dass sie nun ihrerseits mit dem Spenden beginnen. Für Spender, die abgeschlossen haben (also gestorben sind) gibt es keinen Friedhof und alle, die um sie trauern, werden ihrem Beispiel in kürzester Zeit folgen.
Die Hailshamer Kollegiaten haben es bei diesem Prozedere noch gut getroffen, denn sie durften wenigstens ihre Kindheit als Menschen verbringen. Wenn ihnen auch die Freiheit, eine eigene Zukunft zu wählen, verwehrt blieb und durch bescheidene Träumereien ersetzt wurden. 
Ich erinnere mich nicht, dass jemand von einem Leben als Filmstar oder Ähnlichem geträumt hätte. Es ging eher um Tätigkeiten wie Postbote oder Landarbeiter. Nicht wenige von uns wollten Fahrer der einen oder anderen Art werden, und wenn das Gespräch diese Richtung nahm, fingen oft ein paar Veteranen an, malerische Landstraßen, auf denen sie gefahren waren, bevorzugte Raststationen, unübersichtliche Verkehrskreisel miteinander zu vergleichen.
Dass die Grausamkeit in diesem Roman vollkommen implizit bleibt, macht ihn humaner und sanftmütiger aber keineswegs harmlos. Den unausgesprochenen Vorwurf der Klone an den Rest der Menschheit versteht der Leser unbewusst: “Wie könnt ihr euch als Menschen bezeichnen und uns nicht, wo ihr doch diejenigen seid, die unmenschlich grausam sind?”

Die Sprache Ishiguros ist unkompliziert, einfach und sehr gefühlsbetont. Die meiste Zeit vergeht in Dialogen oder Beschreibungen dessen, was eine Person gedacht oder empfunden hat. Die bereits erwähnte starke Empathie mit anderen Kollegiaten, das ständige Sich-aussprechen, geduldige Klären und Besprechen - das könnte schon fast zu gut gemeint sein. Letztlich könnte es aber ein Stilmittel sein, mit dem Ishiguro uns wissen lässt, dass die Klone wirklich menschlich sind, menschlicher vielleicht sogar als wir selbst.
Für mich persönlich bleibt “Alles, was wir geben mussten” in meiner Erinnerung als erstaunlicher Roman, der mit seiner Herzlichkeit einem grausamen Thema auf den Grund geht.

Kommentare:

  1. Ich habe den Film dazu gesehen und daher deine Rezension aufmerksam gelesen. Der Film (http://de.wikipedia.org/wiki/Alles,_was_wir_geben_mussten_(Film)) hat mir im Prinzip gut gefallen, auf jeden Fall mal was anderes.
    Was mich aber schon während des schauens immer belastet hat ist, dass kein Aufbegehren gibt. Vielleicht ist das aber auch das Geheimnis der Geschichte...

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    1. Ich denke auch, dass genau dies der springende Punkt an der Geschichte ist. Aufbegehren und Protestversuche sind die logische Erwartung des Lesers.

      Dadurch, dass diese Revolutionsversuche ausbleiben, sondern die Klone ihr Schicksal umstandslos ertragen - ja, sogar akzeptieren - wirken sie umso unschuldiger im Vergleich zu den selbstsüchtigen Menschen. Beim Kampf, wenn Hass und Rache wüten, werden die Soldaten beider Fronten zu Kampfmaschinen und das entstellt sie ein Stück weit zu Unmenschen. Die Klone aber bleiben friedlich, also menschlich.

      Man lernt die Klone so intensiv kennen, während man von den "Menschen" kaum etwas mitbekommt. Letztlich war mein Gesamteindruck von den handelnden Charakteren, dass die Klone eigentlich die besseren (weil menschlicheren) Menschen seien. Das macht es umso ungeheuerlicher, dass man ausgerechnet ihnen das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein versagt.

      Aber mir kam es auch befremdlich vor, dass die Hailshamer Kollegiaten überhaupt kein kritisches Denken vollführten. Sich nicht einmal die Frage stellen: "Moment, wir müssen uns töten lassen, damit unsere Organe anderen Leuten das Leben retten? Warum gibt es Menschen, die müssen spenden und andere Menschen, die dürfen das Gespendete empfangen und gesund weiterleben? Das ist doch ungerecht!"

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    2. "Die Klone bleiben friedlich, also menschlich"

      Wäre es nicht menschlich zu rebellieren? Sich sein Recht zu Leben zu erkämpfen?

      Vielleicht ist das auch ein Hinweis darauf, dass die Klone doch keine, wenigstens aber nicht so Starke Gefühle hegen (können) wie "normale" Menschen.

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  2. Hallo,
    schöne Zusammenfassung.

    Ich habe mir nach dem Lesen des Buches (im Original) ebenfalls gedacht: Wo ist die Frage, wer überhaupt das alles bestimmt hat und woher sich diese/r das Recht dazu nimmt, wie auch die Frage, was wäre, wenn einer der Schüler/Klone versuchte, aus dem vorgezeichneten Plan auszubrechen? Weder in Form von Gedanken der Hauptfiguren selbst taucht Derartiges auf noch scheinen die Hauptfiguren von anderen Klonen je etwas Entsprechendes zu hören (was wer von wem hört oder wer wen gesehen hat, wird schließlich ausgiebig besprochen).

    Gründe hierfür kann sich der Leser in Eigeninitiative sicherlich viele ausmalen, falls er denn Lust dazu hat (ob beim Klonen etwa Einfluss auf das genetische Material und damit den Charakter der Klone genommen wurde, z.B.).

    Wie dem auch sei, wegen der vollkommen fehlenden Erwähnung oben genannten Fragen in jeglicher Hinsicht wirkt der Roman auf mich sehr eindimensional. Irgendwie erscheint mir gerade die Tatsache, dass ein zielführendes Erwägen anderer Wege im Bewusstsein der Hauptfiguren vollkommen fehlt, als substanzvollster Hinweis darauf, dass sie tatsächlich keine "normalen" Menschen sind. Insofern bin ich auch nicht sicher, ob von einem "Akzeptieren" der Klone ihres sogenannten Schicksals gesprochen werden kann, wenn man unter Akzeptieren ein zustimmendes Werturteil versteht. Die Klone bewerten aber m.E. an keiner Stelle im Roman - sie haben Gefühle bezüglich des für sie vorgesehenen Ablaufs (wobei wir auch hier mit Ausnahme der Schulzeit in Hailsham nicht erfahren, wer ihnen diesen eigentlich unmittelbar vorgibt!), aber sie bewerten nicht.

    Wie würde wohl eine ganze Gesellschaft aus diesem "Klon-Menschentyp" (falls man das so sagen kann, schließlich sind Kathy, Ruth und Tommy z.B. ja recht verschieden) möglicherweise aussehen? Wäre sie sozialer als die Gesellschaften heute? Andererseits scheinen die zwischenmenschlichen Gehässigkeiten ja so ziemlich die selben zu sein, während jedoch die Kreativität im Denken und der Wille zum Umsetzen eigener Ideen zu fehlen scheint.

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