Mittwoch, 21. Dezember 2011

Aldous Huxley: Affe und Wesen

Nur in Erkenntnis des eigenen Wesens
ließ je ein Mensch davon ab,
ein Ausbund von Affen zu sein.

Auf der Straße finden zwei junge Männer ein Drehbuch, das von einem schrulligen, verschrobenen Herren verfasst worden ist. Der Herr schien nicht gerade ein kritikloser Freund der menschlichen Spezies zu sein. Das Drehbuch heißt „Affe und Wesen“ und erzählt von der Menschheit, die sich gedankenlos dem Fortschritt hingegeben hat. In blindem Forscherdrang werden so zerstörerische Möglichkeiten der Massenvernichtung entwickelt und aufgrund internationaler Reibereien kommen diese Waffen irgendwann auch zum Einsatz. Das Ergebnis gleicht einer radioaktiv verseuchten Mondlandschaft. Doch noch immer leben vereinzelt Menschengruppen in dem verwüsteten Land. Wie sie sich gesellschaftlich organisiert haben, das erfährt man in dem Drehbuch.

Erstes auffälliges äußerliches Merkmal der postapokalyptischen Bewohner Kaliforniens sind auffällige Flicken mit der Aufschrift „Nein!“, die über den Brustwarzen und Intimzonen auf die Kleidung aufgenäht sind. Was das soll, erklärt sich sehr bald.
Die Menschengruppe stellt sich sehr schnell als einfache Stammeskultur heraus, mit einem Häuptling und geistlichen Oberhäuptern. Sie haben eine Religion herausgebildet, in deren Zentrum der Teufel Belial steht. Mit ihm erklären sie alle Fragen aus der Vergangenheit und Geschehnisse der Gegenwart. Dass die Menschheit sich gegenseitig mit ihren verheerenden Bomben ausgelöscht hat, ist auf Belial zurück zuführen, denn dieser hasst die Menschheit und hat deren Willen so manipuliert, dass sie sich selbst in den Untergang führten. Auch die Überlebenden des „Dritten Weltkriegs“ leben in dem Wissen, das der mächtige Teufel sie alle am liebsten ausradieren würde.
Sein Einfluss wirkt sich insofern aus, dass die Frauen missgebildete Babys gebären – was der radioaktiven Verseuchung geschuldet ist – aber für die Menschen sind diese Missgeburten die fleischgewordene Verdorbenheit, herbei beschworen durch Belial. Wenn sie unrecht oder schlecht handeln, dann begründen sie das damit, dass Belial in sie gefahren sei und beeinflusst hätte.

Die Stammesmitglieder fürchten sich permanent vor dem Hass des Teufels, leisten Opfergaben, um ihn zu besänftigen. Einmal im Jahr wird der Tag des Belial begangen, in dem alle missgebildeten Babys unter Chorgesängen aufgespießt und geopfert werden. In der darauf folgenden Woche ist es den Menschen gestattet, untereinander den Beischlaf zu vollziehen. Folgerichtig gibt es kurz nach dem Opferritual eine regelrechte Orgie, in der unkontrolliert ein jeder übereinander herfällt.
Ist diese Woche verstrichen, gilt für das kommende Jahr vollkommene Abstinenz. Zur Ermahnung dienen die erwähnten „Nein!“-Flicken an allen sexuell relevanten Körperstellen. Durch diese Regelung will die Obrigkeit eine unkontrollierte Bevölkerungsexplosion unterbinden.
Im Unterricht bringt der Lehrer (genannt Satanologe) den Kindern alles über Belial bei – dessen Hass und die Möglichkeiten, den Hass zu besänftigen. Mehr lernen die Kinder nicht, das ist nicht nötig.


Welcher Ausbund an Kultur auf der Asche des verbrannten Bodens nach dem “Dritten Weltkrieg” zum Gedeihen kommt, das erzählt Huxley in dem Drehbuch “Affe und Wesen”. Rückblickend versucht diese Kultur sich zu erklären, wie es zur großen Apokalypse kommen konnte. Als Erklärung wählen sie nicht etwa differenzierte Beobachtungen, rückblickende Rekonstruktion von Ereignissen, Nachvollziehen von Entscheidungen, Schlussfolgerungen und wissenschaftliche Methodik, sondern sie erklären den Teufel Belial kollektiv für alles verantwortlich.
Die Zerstörung der Zivilisation war sein Werk, denn Belial will sie ausrotten - auch jetzt, da nach den Bombardements noch immer einige versprengte Menschengruppen existieren. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sich die Menschen permanent von Belial bedroht sehen, in jeder negativen Kleinigkeit Belials Willen zu erkennen glauben und alles dafür tun, um den Zorn des Teufels wenigstens vorübergehend zu besänftigen. Aufgrund der vollkommenen Fremd-Determiniertheit verlernen sie es, ihr Handeln aus eigenen Motiven und Initiative heraus zu bewerten. Prinzip allen Handelns ist im Grunde das Bemühen, drohendes Leid zu vermeiden.
Wenn der Mensch sich nicht tugendhaft verhält, dann ist Belial dran Schuld, dieser habe ihm seinen Willen aufgezwungen. Alle negativen aber auch positiven Eigenheiten des Menschen werden umgedeutet, verbannt oder geächtet.

Beispiel Sexualität: Die schöne menschliche Eigenschaft des Gegenseitig-Achtens und Liebens wird vom Stammesoberhaupt vollkommen unterdrückt. Auf diese Weise soll die unangenehme Konsequenz der Überbevölkerung eingedämmt werden. Also dürfen Männer und Frauen nur eine begrenzte Zeit pro Jahr kopulieren. Wer außerhalb dieser Zeit Sex praktiziert, ist dem Tode geweiht. Aus diesem Grund werden auch schon platonische, aber überdurchschnittlich häufige Kontakte zwischen Mann und Frau geächtet und bestensfalls unterdrückt.
Um also die negative Folge der Geburtenexplosion zu kontrollieren, sperren sie das gesamte Liebesleben der Menschen in einen Käfig. Eines wahren Menschen würdig wäre es gewesen, die gesamte Lage zu analysieren, die negativen Effekte durch präzise Methoden abzuschalten, ohne dabei die positiven Wesenszüge des Menschen hemmen zu müssen.
Doch die beschriebene Gesellschaft handelt nicht menschlich, sondern affenhaft. Also befasst sie sich nicht mit ihren Wesenzügen, sondern bedient sich einer bequemen, einfachen Lösung, die das Problem behebt - mehr zählt nicht.
Dieser Gesellschaftsentwurf propagiert also die Unfähigkeit, sich selbst zu beobachten, zu bewerten und sein Handeln zu korrigieren. Negative Ereignisse oder Handlungsweisen werden prinzipiell Belial angehängt und für alles Übrige gibt es Vorschriften von den Stammesoberhäuptern. Vermiedenes Leid gilt bereits als Erfolg und als maximal mögliches Glück. Auf diese Weise stellt sich niemand der Stammesmitglieder die Frage, wie sie noch glücklicher werden könnten. Es zählt nur die erleichterte Feststellung, dass man diesmal vor Belials gewaltigen Hass verschont geblieben ist.
Liebe treibt Furcht aus; aber umgekehrt treibt Furcht Liebe aus - und nicht nur Liebe. Furcht vertreibt auch Verstand, vertreibt Güte, vertreibt jeden Gedanken an Schönheit und Wahrheit.

Hier handelt es sich meiner Einschätzung nach um einen Appell an den Leser und alle Erdenbürger, nicht dieselbe Motivation wie die Darsteller aus “Affe und Wesen” anzunehmen. Angst ist ein schlechter Ratgeber und hemmt den Menschen daran, mit klarem Kopf nachzudenken und sinnvolle Lösungen zu suchen. Viel zu oft kann man beobachten, wie sich Mitmenschen verängstigen lassen, sich plötzlich permanent in Gefahr schwebend wahrnehmen und jede Lösung akzeptieren, die sie von der Regierung, Kirche oder irgendwelchen Quacksalbern vorgeschlagen bekommen.
Das eigenständige kritische Nachdenken, Bewerten, Herausbilden einer Meinung und Überlegen von Korrekturvorschlägen gibt so mancher gern in fremde Hände, von denen er nicht einmal kritisch beleuchtet hat, inwieweit denen zu trauen ist.
Jeder hat diesen Affen in sich, der gern einfachen Erklärungen glauben will und die Bestätigung erfährt, dass er nichts dafür kann, dass er machtlos ist, dass er keine Schuld trägt, weil höhere Mächte im Spiel waren usw.
Das Wissen um diesen inneren Affen macht den Menschen sensibler für Täuschungen, einlullende/ beruhigende Seelenbalsamierung, für Lösungen, die nie hergeleitet und begründet werden und zu denen es keine Alternative zu geben scheint. Wer den inneren Affen zu kontrollieren lernt, muss zwar akzeptieren, dass er für seine eigene Lage in stärkerem Maße verantwortlich ist, als er das gern hören würde, aber er hat auch die Chance, die Wahrheit zu entdecken.


Der Stil des Buches entspricht nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch einem Drehbuch. Es werden also vereinzelt Regieanweisungen genannt, Dialoge laufen immer in wörtlicher Rede ab und ansonsten überlässt Huxley das Interpretieren aller Gedankengänge dem Leser selbst. Zwischen den Szenen tritt der Erzähler auf, der mitunter sogar in Gedichtform die Geschehnisse zusammenfasst, kommentiert und die Handlung weiter erzählt, bis die nächste Szene aufgebaut und “gespielt” wird.
Das klingt erst mal nach Shakespeare, ist aber nicht im Entferntesten so stilergeben geschrieben. Dialoge stellen nicht die alles beherrschende Macht des Drehbuchs dar, sondern haben eher verdeutlichenden Charakter. Die Passagen des Fließtext (wenn also der Erzähler spricht) nehmen geraumen Platz ein.
Insofern ist das Stück nicht wirklich vorführungstauglich geschrieben und lässt sich flüssig, problemlos lesen. Trotzdem sollte man beim Lesen bei der Sache bleiben, die Systematik hinter dem Handeln des Menschenstammes nachvollziehen. Als Schmöker, den man in Rekordzeit hinunterschlingt, ist das Buch also wahrlich nicht zu betrachten. Inhaltlich aber eine lehrreiche Geschichte mit klugen Beobachtungen, die William Golding in “Der Herr der Fliegen” aufgegriffen hat.

Kommentare:

  1. Wow, ein toller Artikel.
    Ein völliger Neuanfang einer kleinen Gruppe unter schwierigen Bedingungen ist ein interessantes Thema. Das kann sicher ziemlich schrecklich werden.

    Um aber deinen Ansatz von Anti-Determinismus wieder aufzugreifen stellt sich mir die Frage wie lange ein solches „freies“ System so stabil bleiben würde oder ob es sich nicht schnell wieder zu ähnlichen Systemen wie heute entwickeln würde. Die ersten die Ausbrechen sind ja meist die „Führer“, die sich Stück für Stück wieder Freiheiten nehmen, bis sie „erwischt“ werden dann wird revolutioniert und das System entwickelt sich weiter. Am Ende greift wieder der Determinismus und die Entwicklung verläuft, wie wir sie schon kennen als wäre es zwangsläufig. Sind wir also wirklich frei wieder Affen zu sein oder führt uns nicht unser Drang nach dem eigenen Vorteil zwangsläufig immer wieder dazu die Angst zu überwinden und unser Ding zu machen?

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  2. Zunächst: Der geistliche Führer (Erzvikar genannt) und seine Lakaien überwachen die Einhaltung des Abstinenzgebotes, sind selbst aber kastriert. Freiheiten sexueller Natur können sie sich also nicht herausnehmen. Weitere Einschränkungen, denen sie sich entledigen könnten, fallen mir auf die Schnelle nicht ein.

    Was die permanente Angst vor Belial angeht, wird jedoch tatsächlich klar, dass der Erzvikar dem verbreiteten Glauben nicht anhängt. Die Angst vorm Teufel ist für ihn ein Mittel, das er mit Kalkül benutzt, um die Menschen leichter unter Kontrolle zu halten.

    Wie sich die Geschichte weiterspinnen lässt, dazu traue ich mir keine Prognose zu. Ich musste lange über das Buch nachdenken, ehe ich überhaupt eine Rezension geschrieben habe. Es ist intellektuell anregend und fordernd, wahrscheinlich habe ich eh nicht den gesamten Umfang der Intention erfasst.

    Lies mal rein, es ist nicht dick und dann können wir mal gemeinsam sinnieren, wie es mit den Belial-Stämmen weiter gehen könnte.

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